Vater

Es ist der 03.04.2011 Vier Uhr sechsundzwanzig morgens.
Ich bin vor ca. 24 Minuten in mein Bett gestiegen, meine Freundin im Arm.
Wir waren im Coma, hatten eigentlich vor an diesem Wochenende auf einen LARP Con zu fahren.
Ich habe mit großen Diskussionen verhindert dort hinzugehen. Ich hatte keine Lust, heute weiß ich warum ich keine Lust hatte. Ich habe es gespürt.

02.04.2011 morgens. Er steht auf, frühstückt mit seiner Frau auf der Terasse. In den ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings.  Das war sein ein und alles.
Er geht in seinen geliebten Garten, schneidet die Rosen, werkelt herum. Gartenarbeit war ihm schon immer ein Ausgleich, ein Quell der Kraft.
Es ist abends, er genießt das Abendessen mit seiner Frau. Man schaut Fernsehen, er ruft seine Tochter an, befiehlt sie mehr als er sie bittet, morgen am Sonntag im Garten zu helfen. Was er nicht weiß ist, das ich zuhause bin, offiziell bin ich auf dem Con, den ich kurzfristig abgesagt habe. Seine Tochter, meine Schwester, sagt ihm die Hilfe zu.
Denn egal was ist, die Familie geht vor. Sie ist ein Bollwerk. Vier Menschen, die bar jeder internen Streitigkeiten oder unterschiedlichen Ansichten von frühester Kindheit eines gelernt haben: FAMILIE!
Es gibt kein stärkeres Bollwerk, keinen größeren Halt. Sobald auch nur der Hauch einer Bedrohung von außen kommt, steht ein massiver Block aus diesen vier Menschen bereit, bereit jeglicher Bedrohung und Gefahr ins Auge zu blicken. Bereit gemeinsam, ohne Fragen, ohne Forderungen, absolut selbstlos im Sinne der Gesamtheit alles zu bekämpfen und abzuwehren was das Leben gegen diesen Fels schmeißt.
Seine Frau geht früh zu Bett, er schaut sich noch eine Dokumentation auf N24 an. Irgendwann, seine Frau schläft bereits und bemerkt es nicht, kommt er ins zu Ihr ins Bett,

Sonntag, Drei Uhr irgendwas. Seine Frau wacht auf. Etwas stimmt nicht. Sie öffnet die Augen. Er röchelt, atmet nicht. Er dreht sich zu Ihr herum, öffnet die Augen. Sie sind lebendig, er sieht sie, nimmt sie wahr. Die Frau an dessen Seite er seit 1978 gelebt, gekämpft, geweint und sich gefreut hat.

Ein letzter Blick fällt auf seine Frau, die Mutter zweier seiner Kinder, die Stütze an seiner Seite, die gute Seeele die ihn niemals im Stich gelassen hat, niemals, niemals und keine einzige Sekunde den Glauben an Ihn verloren hat.

Seine Augen brechen.

Vier Uhr sechsunszwanzig am 03.04.2011. Mein Telefon klingelt. Ich wache aus dem hinabgleiten in den Schlaf auf. Ich murre. Irgendetwas stimmt nicht.
Meine Freundin geht an das Telefon, nimmt den Anruf entgegen.

Es ist der Anruf, den ich seit Jahren fürchte. Der Anruf der alles verändert. Nie mehr wird es so sein wie es ist. Der Notarzt, ein Mann der ihn seit vielen Jahren kennt hat alles getan, hat sich über jede Vorschrift hinweggesetzt. Er hat keine Kosten gescheut, keine Mühen. Medikamente für zehntausende Euro hat er ihm injiziert, hat zwei Defibrilatorbatterien komplett entleert, hat seine gesamte körperliche Kraft in die Widerbelebung gelegt. Über eine Stunde, 30 Minuten länger als vorgeschrieben, kämpft dieser Mann um das Leben eines Menschen, tut mehr als er verpflichtet ist zu tun.
Kämpft um diesen Menschen als gäbe es keinen Anderen.
Ich werde diesen Notarzt niemals vergessen. Ich verbeuge mich mein restliches Leben jeden Tag vor ihm.
Dieser Mensch hat alles gegeben was er geben konnte, alle Kraft, all sein Wissen, all seine Ausrüstung, ein Stück seiner Seele.


Vier Uhr fünfundzwanzig. Der Notarzt richtet sich auf. Durch meine Mutter weiß ich, das sie in diesr Sekunde ein aschfahles Gesicht anschaute. Ein Mensch der die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.
Ein Held der den größten Respekt und diegrößte Achtung verdient, zu der Menschen fähig sind.

Mein Vater ist soeben an Herzinfarkt gestorben.


                                                               19.01.1937 - 03.04.2011

Fünf Uhr irgendwas.
Wie ich an diese Kreuzung gekommen bin weiß ich nicht. Meine Augen brennen, mein Körper ist tot. Die halbe Stadt muß wach sein. Ich habe geschrien, die Tränen sind in Sturzbächen meinen Körper hinabgestürzt Ein silberner Audi bremst schleudernd und mit quietschenden Reifen vor mir. Beinahe rammt er die Verkehrsinsel. Es ist meine Schwester mit ihrem Freund.

Meine Freundin, tränenüberströmt, stützt mich. Ich weiß bis heute nicht wie dieser grazile Mensch mich halten konnte.

Die Türen des Audi fliegen auf. Wir stürzen hinein. Frank tritt das Gaspedal durch. Die Reifen drehen haltlos durch, malen schwarze Linien auf die Straße. Die Straße rast mit 100 km/h an mir vorbei. Frank nimmt absolut keine Rücksicht auf die Stadt in der wir leben. Er holt alles aus seinem Auto heraus, schleudert um die Kurven, rast Zentimetergenau an parkenden Autos vorbei, fliegt um die Kurven.
Eine Einfahrt, ein braunes Holztor. Frank zieht die Handbremse, fliegt herum, rast mit viel zu hoher Geschwindigkeit die Einfahrt hinauf. Ich werde das nie vergessen. Er hat ohne zu fragen sein Leben bedenkenlos aufs Spiel gesetzt, hat ohne zu Fragen das äußerste was ein Mensch zu geben bereit ist gegeben, um seine Freundin und mich so viele Sekunden früher wie möglich am Ort des Geschehens abusetzen.

Sekunden später knie ich vor Ihm. Er liegt neben dem Ehebett. Regungslos, wie schlafend, die Hände neben dem Körper.
Es ist vorbei, aus, Ende, Schluß.
Ich werfe mich auf Ihn, schreiend, brüllend, weinend.

Das muß ein Traum sein.

Plötzlich spüre ich Franks Hand, er biegt meinen Arm herum. Ich war gerade dabei mit einem unmenschlich starken Faustschlag in das Parkett des Schlafzimmers mir die Gelenke zu zersplittern.

Sonntag, 03.04.2011, 11 Uhr. Der Pfaffe spricht leere Worte ihne Bedeutung. Ich blicke durch einen Schleier auf das Ehebett. Da liegt er, grau, kalt, steif, tot.
Ich umarme ihn, meine Tränen tropfen auf seine Leiche.
Vor einigen Stunden war das noch mein Vater, so wie er immer war, scheinbar schlafend.
Das hier ist ein Toter, eine Leiche.
Es ist vorbei.

Die Angestellten des Bestattungsinstituts keuchen unter der Last. Er macht es Ihnen nicht leicht. Er kämpft, so wie er sein gesamtes Leben getan hat. Er wehrt sich, den Trägern tritt der Schweiß auf die Stirn. Ich nehme meine Mutter und meine Schwester in den Arm und grinse unwillkürlich.
Das ist meine Familie.
Niemals wird die weiße Fahne geschwenkt, niemals wird um Gnade gefleht, niemals wird aufgegeben.

Die Beerdigung. Der Waldfriedhof. Ich wohne in dem Haus direkt daneben. So nah lebte mein Vater seit meinem Auszug nicht mehr bei mir. Gesichter, hunderte. Alle sind gekommen.
Weggefährten, Freunde, Zeitgenossen.
Allen ist klar das sie einen großen Mann verabschieden. Herr H. bricht beinahe vor dem Grab zusammen. Herr G. muß von seiner Frau gestützt werden. Sein mittlerer Bruder sitzt schon lange.
Alle ehemaligen seiner Angestellten die es wert sind sind da, erweisen ihrem Ex-Chef die letze Ehrem weinen, verkrampfen.
Ich schüttle Hände, sehe Gesichter durch den Nebel. Umklammere meine Mutter und meine Schwester, slebst kaum fähig zu stehen. Ich knie vor dem Grab nieder, das ist alles nur ein Traum.

Hände umfassen mich. starke Hände, zarte Hände. Meine Freunde mit Ihren Partnern treten aus der Masser der Trauernden hervor. Richten mich auf, halten mich.
Ohne zu Fragen, ohne zu fordern. Sie sind da. Stützen meine Familie.

Ich bin jetzt das Familienoberhaupt. Niemand hat mich gefragt ob ich das will, ob ich bereit in, ob ich das tragen kann. Der Pfaffe erzählt Märchen vom Paradies, vom ewigen Leben. Hohle Worte ohne Bedeutung.

Es ist vorbei.
Der Siegelring mit dem Wappen meiner Familie schneidet wie flüssiges Eisen in meinen Finger. Ich will ihn nicht tragen, ich will ihn nicht am Finger stecken haben. Aberm ich hat keiner gefragt, ich muß es tun.

Ich besuche ihn jede Woche. Erzähle ihm was passiert ist, halte ihn auf dem Laufendem.

Eines Tages werde ich Ihne wiedersehen, werde mich in seine Arme flüchten können. Ich freue mich auf diesen Tag.
Der Tot hat seinen Schrecken verloren. Das Ende ist keines mehr.

Mein Vater wird dort sein, was immer es auch ist. Es wird seine Frau, mich und seine Tochter, meine Schwester, erwarten, wird den Weg geeebnet haben.

So wie er es immer getan hat.


Egal was das Problem war, er hat Härte, bedingunsloses Durchsetzungsvermögen gepredigt. Ein Patriarch durch und durch. Er war ein Angehöriger der Generation, die dieses Land aus der Schande und den Ruinen des dritten Reiches gezogen hat. Er hat niemals aufgegeben, niemals seine Niederlage eingestanden, er hat niemals nachgegeben, niemals das Knie gebeugt.
Alles was ich über die Brutalität des Lebens gelernt habe, habe ich von ihm gelernt.
Ihm allein ist es zu verdanken das gelernt habe was Realität ist.
Ihm alleine habe ich meine absolut unbeugsame Art zu verdanken.
Er hat mir Härte gelehrt, er hat mir absolute Prinzipientreue gelehrt, wenn es sein muß unter Einsatz des eigenen Lebens.

Er ist mein Vater, ich bereue keine einzige Sekunde. Ich bejahe alles an ihm.

Er und seine Frau, meine Mutter, haben mir eines gelehrt: Die Familie ist eine Kraft, die niemand, niemand au dieser Welt brechen kann. Niemand kann die Familie auseinanderbewegen, niemand kann einen Keil zwischen sie treiben. Familie ist das einzige, was in dieser brutalen Welt niemals wankt, niemal bricht.

Niemals werde ich das in Frage stellen oder brechen. Wer sich gegen mich oder meine Familie stellt wird bluten, wird jämmerlich und ehrlos untergehen, wird leiden, wird jammern, wird zerbrechen.

Pappa, niemals, niemals werde ich vergessen warum dein Herz versagt hat. Niemals werde ich übersehen warum du an diesem Morgen gehen mußtest.



Ich trage seinen Namen, er steht in meinem Paß, er lebt in meinem Herzen, er ist mein zweiter Vorname. In meiner Schwester und mir lebt er fort, bis zum Ende des Universums.

Ein trauernder Sohn.

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